Punkt & Pünktchen

»Ein Alphabet ist ein Spiel mit zugleich einheitlichen und verschiedenen Formen. Die einzelnen Zeichen müssen in Form und Konstruktion unterscheidbar und dennoch verwandt sein.« Karen Cheng

Verwandt-sein: das ist die Voraussetzung, damit einzelnen Glyphen zu einer homogene Schrift werden. Beim Entwerfen einer Schrift sollte Ähnliches ähnlich behandelt werden. Unter dem Gesichtspunkt der Verwandtschaft sollten auch die Punkte innerhalb einer Schrift gestaltet werden. Das betrifft die Punkte im Satzschluss-Punkt, im Ausrufe- und Fragezeichen, im Semikolon, im Doppelpunkt sowie die i- und j-Punkte, die Umlaut- und Trema-Pünktchen.

Zumeist ist der i-/j-Punkt größer und steht höher als die Umlaut- und Trema-Pünktchen, so zum Beispiel bei der Baskerville MT Pro, der Albertina MT Pro Italic oder der Fedra Serif B Pro Book. (Alle genannten Schriften sind weiter unten mit den betreffenden Glyphen abgebildet.) In wenigen Schriften sind die Punkte tatsächlich gleich gestaltet (FF Absara OT). In einigen Fällen kann der i-/j-Punkt auch schon mal tiefer stehen oder kleiner sein als die Pünktchen für Umlaut und Diärese. So bei der Perpetua MT Pro Italic und der Spectrum MT Pro Italic. Gerade bei den genannten Monotype-Schriften ist deutlich zu sehen, dass die i-/j-Punkte passend zur Schrift gestaltet wurden. Die Umlaut- und Trema-Pünktchen hingegen sind in beiden Schriften (vom horizontalen Stand mal abgesehen) gleich. Das rührt daher, dass die diakritischen Zeichen nicht vom Schriftschöpfer selbst, sondern von den Mitarbeitern der Schriftschmiede übergesetzt wurden.

Die zwei Pünktchen über dem schmalen ï greifen viel Raum und werden daher oft enger zusammen gestellt (im Vergleich zu ä, ë, ö, ü) oder kleiner gestaltet. Die unterschiedliche Umsetzung bei gleichen Schriften verschiedener Herausgeber wird gut deutlich bei der Futura Std Bold mit einheitlichen Punkten und der Futura EF OP Bold mit kleineren und engerstehenden ï-Pünktchen. Gleiches lässt sich beobachten bei der Bauer Bodoni.

Bei Grotesk-Schriften sind die Punkte häufig rechteckig. Die Satzzeichen-Punkte können dennoch kreisförmig bleiben (Bell Gothic Std Light). Wenn jedoch sowohl die i-/j-Punkte als auch die Satzschluss-, die Ausrufezeichen- und die Fragezeichen-Punkte rechteckig gestaltet sind, sollten die Umlaut-Punkte in gleicher Form gebildet sein. Man stelle sich ein Wort vor, bei dem ein Umlaut und ein i nebeneinander stehen, gesetzt in der ITC Franklin Gothic Std Book: hier würden kreisförmige Punkte neben rechteckigen Punkten stehen. Das ist nicht ideal.

Bei der Centaur MT Pro sind im aufrechten Schnitt die Punkte über Buchstaben kreisrund, während die Satzzeichen-Punkte rautenförmig sind. Die Rautenform soll dabei an das Schreiben mit der Breitfeder erinnern. Im kursiven Schnitt wandeln sich die Satzzeichen-Punkte in Ovale. Der i-Punkt wird demgegenüber zu einem länglichen Rechteck.

Die Adobe Jenson Pro nimmt ebenso das Thema der Rauten-Punkte auf. Bis auf die kreisförmigen i-/j-Punkte sind alle sonstigen Punkte gekehlte Rauten. Auch hier stolpert der Leser über die Inkonsistenz, wenn ein Umlaut neben einem i steht. In sämtlichen Kursiv-Schnitten wandeln sich die Punkte des Ausrufe- und des Fragezeichens in Kreise. Der Satzschluss-Punkt und die Punkte im Kolon und Semikolon bleiben jedoch rautenförmig. Eine gestalterische Notwendigkeit für diesen Wechsel ist nicht ersichtlich.

Die Expo Serif Pro weist einen dreieckigen i-Punkt auf. Diakritische und Satzzeichen-Punkte sind kreisrund. Noch inkonsequenter wird es bei der Bertham Pro. Die diakritischen Punkte und die Satzzeichen-Punkte sind rautenförmig. Der i-Punkt ist nur im direkten Vergleich von einem Akut (í) zu unterscheiden. Nicht gerade leserfreundlich. Auch bei der Musee Cursive und der RTF Albertan Pro wurden die Punkte nicht verwandtschaftlich gestaltet.

Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf dieses beschädigte Trema in der Magma EF OP Light gestoßen: