Gregor Stawinski
Retrofonts — Über 400 der beliebtesten Retrofonts aus zwei Jahrhunderten Typedesign
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2009
Umfang: 624 Seiten
Format: 17 cm × 25 cm
Bindung: Halbleinenband mit Prägung
Papier: Lessebo Design, holzfrei geglättet weiß, 1,3 Vol., 90 g/qm PEFC
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3874397841
Beigabe: CD-ROM mit den unten aufgeführten Schriften
Gregor Stawinski und der Verlag Hermann Schmidt bereichern den Typo-Buchmarkt mit Retrofonts. Der Autor hat über vierhundert Druckschriften aus den letzten hundert Jahren den folgenden Stilen zugeordnet:
- Historismus
(1830–1900) - Jugendstil und Japonismus
(1890–1918) - Art déco und Plakatstil
(1918–1933) - Elementare Typografie und Konstruktivismus
(1918–1933) - Traditionsverbundene Typografie
(1933–1945) - Organisches Design und kalligrafischer Stil
(1945–1960) - Schweizer Typografie und Space Age
(1955–1968) - Pop und Disco
(1968–1980) - Postmoderne und Punk
(1975–1990)
Darunter auch Schriften, die landläufig nicht als Retro empfunden werden, wie zum Beispiel Akzidenz Grotesk, DIN Mittelschrift, Frutiger, Futura, Helvetica oder Syntax.
Das Buch ist nach den oben genannten neun Stilen gegliedert. Die Kapitel beginnen mit einer kurzen geschichtlichen Erinnerung, einer Charakteristik der bedeutenden Schriften und einem Überlick über die grafischen Besonderheiten des behandelten Zeitraums. Dann folgen Schriftmusterseiten mit den Majuskeln A bis Z, den Minuskeln a bis z und ä, ö, ü und ß, den Ziffern sowie Klammern, Frage- und Ausrufezeichen, Ampersand, Dollar- und Pfund-Zeichen und Musterwörtern. Jede Schrift wird auf einer eigenen Seite vorgestellt mit Kurzangaben zu Schriftschöpfer, Entstehungsjahr und Schriftschmiede.
Zwischen den Musterseiten finden sich Anwendungsbeispiele aus der betreffenden und aus der heutigen Zeit. Gerade die Plakate, Buchumschläge, Weinetiketten, Verpackungen und Logos der Gegenwart zeigen, wie Designer geschickt mit den Retro-Assoziationen spielen. Überraschend sind die Beispiele, in denen die »alte« Schrift von Retro-Erinnerungen gelöst und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden.
Als Zugabe gibt es auf der beigefügten CD-ROM über zweihundert Schriften, die teilweise im Open-Type-, Post-Script- und/oder True-Type-Format vorliegen. Abgerundet wird das Buch mit einem kurzen Literaturverzeichnis, Registern der Schriften, der Schriftschöpfer und der Schriftschmieden sowie einer Netzseite zum Buch.
Gregor Stawinski über Entstehung des Buches
Das Interesse für die Geschichte und Entwicklung der Typografie war bei mir schon während des Studiums geweckt. Und von Buch zu Buch, das ich zum Thema fand, merkte ich auch, was mich an vorhandener Literatur zu stören begann: Es war der fehlende Anker ins Heute, der Bezug zu meiner täglichen Arbeit als Kommunikationsdesigner. Es ist interessant, dass ein Robert Thorne ums Jahr 1830 eine plastische Versalschrift klassizistischen Charakters entwickelt hat und wie diese Vorliebe für derartiges Typedesign im 19. Jahrhundert entstanden ist. Dann ist aber auch interessant, dass Dieter Steffmann sie auf seiner Website als »Thorne Shaded« zum download anbietet.
Zunächst noch ohne Plan im Kopf, fing ich an mein Auge zu schulen. Welche Art von Schriften sind es überhaupt, die unsere Gestaltungsepochen vom Historismus bis in die Achtziger prägten? Denn in welchem Jahr eine Schrift gestaltet wurde, sagt noch nichts über ihren Beliebtheitsgrad bei Zeitgenossen aus. Die Cooper Black etwa, war in den Siebziger Jahren mehr als beliebt, stammt aber aus dem Jahr 1921. Also musste ich erst einmal herausfinden wie Plakate, Werbeanzeigen, Verpackungen, Zeitschriftentitel und Plattencover von den jeweiligen Generationen entworfen wurden, um danach Schriften mit passendem Duktus zuzuordnen. Da wurde später auch klar, dass so ein Buch viele Abbildungen braucht, damit die Auswahl nachvollziehbar wird und sich Fragen nach Komposition, Farben und Formen von selbst klären.
Wenn man dann – mit ganzen Ordnern und Festplatten voll von zeitgeistigem Design der vergangenen zwei Jahrhunderte – durch den Alltag läuft, fällt einem ganz automatisch auf, dass diese Schriften immer noch in reger Anwendung sind. Sei es beim einkaufen, wenn die Hersteller einer edlen Schokolade für ihre Verpackung auf Entwürfe von Charles Rennie Mackintosh zurückgreifen, oder beim surfen durchs Netz bei der Feststellung, dass Dolce & Gabbana sogar zeitweilig ihr Signet für den Internetauftritt typografisch auf »Golden Twenties« getrimmt haben. Derartige »Fundstücke« wollte ich dann natürlich auch im Buch unterbringen und erweitere dieses Archiv auf der Website zum Buch weiterhin.
Mittlerweile im achten Semester angekommen, entstand das Bedürfnis ein Buch zu haben, das all das vereint, was ich zu diesem Thema für wichtig hielt – mit starkem Bezug auf jene Schriften, die uns heute als Fonts zur Verfügung stehen. Und es kam die Frage nach dem Diplom-Thema. Also war rasch beschlossen, dieses Buch einfach selbst zu machen. Ich begann mir eine Gliederung zu überlegen, die soweit möglich chronologisch ist, aber auch Parallelentwicklungen abhandelt. Denn die Peignot – ein von Cassandre entworfenes Alphabet im Stile des Art déco –, kann einfach nicht im selben Kapitel auftauchen wie eine Tannenberg, die zeitgleich aufgekommene Versuche die Fraktur über das tradierte hinaus zu tragen belegt.
Interessantes Wissen rund um die Epoche und die zeitgeistigen Einflüsse auf Schriftvorlieben habe ich in Texten zusammengefasst und den Kapiteln vorangestellt. So auch in kompresser Form die wichtigsten Merkmale in Bezug auf die verwendeten Schriftarten, Satz, Layout, Illustration und Ornament. Eine wichtige Komponente stellt jene Übersicht dar, welche die verschiedenen Schrifttypen die in einer Epoche vorgekommen sind, in Gruppen zusammenfasst und kurz erläutert. Hat man es zum Beispiel mit einer Schrift zu tun, die nicht im Buch gefunden wurde, möchte aber wissen welcher Epoche sie zuzuordnen wäre, ist einem so schnell geholfen.Noch mit zusammengeklebten Doppelseiten habe ich mich mitten im Kurz-vor-Diplomabgabe-Stress in den Zug nach Mainz gesetzt, um dort Verleger Bertram Schmidt-Friderichs von dieser Idee zu überzeugen – mit Erfolg. Und mit so einem Verlag an der Seite, stehen natürlich ganz andere Möglichkeiten offen, als es die Diplomarbeit mit knappem Budget zugelassen hat. Also wurde das Buch noch mal komplett überarbeitet und um die CD mit den Freefonts ergänzt. Das Ergebnis sind nun rund 430 Fonts auf 624 Seiten.