[Read the interview in english]

Zur Person

Matthieu Cortat wurde 1982 in Delémont, Schweiz geboren. Er studierte Grafikdesign an der Kunsthochschule in Lausanne, Schweiz. 2005 ging er zum Atelier National de Recherche Typographique in Nancy, Frankreich.

Fragen und Antworten

Wieso Typografie? Wodurch erwachte Ihr Interesse an der Schriftkunst?

Die nüchterne Kunst der Typografie ist nicht das Erste, an das man denkt, wenn man an seinen künftigen Beruf denkt. Zunächst studierte ich vier Jahre an der ÉCAL (Kunsthochschule in Lausanne, Schweiz), hauptsächlich Grafikdesign. Es gab verschiedene Kurse, wie Film, Fotografie und so weiter, und einen Kurs über Schriftdesign mit François Rappo. Es wäre gelogen, zu behaupten Typografie wäre für mich Liebe auf den ersten Blick gewesen: sie war schwierig, einschränkend und abschreckend. Mindestens drei Monate wusste ich gar nicht genau, was ich da überhaupt tat. Dann, nachdem ich gearbeitet und gearbeitet habe, fing ich an, mich für Schriftdesign und seine Raffinessen zu interessieren: Ich fand es interessant, weil Typografie eng mit einer anderen Kunst verbunden ist: dem Schreiben. Typografie an sich ist bedeutungslos, sie kann interessante Formen bilden; aber letztlich gibt es den Leser, für den sie gemacht werden muss. Nach meinem Abschluss in Lausanne arbeitete ich ein Jahr am Atelier National de Recherche Typographique in Nancy, Frankreich. Dort hatte ich mit großartigen Fachleuten, wie Hans-Jürg Hunziker und Jean Widmer, die Möglichkeit, meine Kunst des Schriftschöpfens zu entwickeln.

Wer sind Ihre typografischen Vorbilder?

Edward Jonston und Eric Gill für ihren Sinn für Rhythmus und Punzen, Ladislas Mandel, José Mendoza y Almeida und Roger Exoffon für ihre Geisteshaltung und ihre Art der humanistischen Schriften, Adrian Frutiger für seinen Sinn für Gestaltung und Balance. Und schließlich Mattew Carter für sein unglaubliches Wissen um alle Arten der Schrifterstellung.

Welches Buch zum Thema Typografie haben Sie zuletzt gelesen? Welches würden Sie weiterempfehlen?

Zuletzt habe ich einen alten Klassiker angeschaut: Stanley Morisons ‘The First Principles of Typography’ [deutscher Titel: »Grundregeln der Typografie«; Anm. d. Übers.], eine gute Einführung und nichtsdestoweniger eine interessante Betrachtung der Ziele der Typografie, und ebenso sein ‘Tally of Types’, mehr ein Buch für Wissenschaftler. Ich las auch – aber in französisch – «Études sur les machines à composer et l’esthétique du livre», ein Essay von 1908 von Pierre Cuchet, der darin analysiert, inwieweit Setzmaschinen wie Monotype und Linotype den Stil der Buchproduktion beeinflussten. Um das Selbe geht es in «La typographie du livre français» (»Die Typografie des französischen Buches«), eine Essaysammlung herausgegeben von Olivier Bessard-Banquy und Christophe Kechroud-Gibasier, worin die zeitgenössische Typografie französischer Bücher untersucht wird, speziell die typische Situation in Frankreich heute: große Verlagshäuser produzieren schlechtgemachte Bücher, aber viele kleine Verlage, die nicht mehr als vier oder fünf Bücher pro Jahr drucken, sind daran interessiert, guten Buchsatz zu liefern, oft in einer sehr erfahrenen Weise.

Bücher empfehlen? Da nenne ich natürlich ‘First principles of Typography’, aber genauso Robert Bringhusts ‘The Elements of Typographical Style’ (meine »Bibel«). Jan Tschicholds „Ausgewählte Aufsätze über Fragen der Gestalt des Buches und der Typographie“ sind auch großartige, genauso wie «À bâtons rompus», ein Essay von Adrian Frutiger in französischer Sprache über seine Arbeit.

Wenn Sie eine Schrift sein könnten, welche Schrift wären Sie gerne?

Ich wäre gerne Antique Olive oder vielleicht Fournier.

Greifen Sie zu Beginn des Schriftschöpfens zur Feder oder zur Maus?

Beides. Ich mache im Allgemeinen viele kleine, schlecht aussehende Skizzen, nicht um den perfekten Buchstaben zu zeichnen, nur um eine Idee zu bekommen, was ich haben möchte. Dann redesigne ich es am Rechner.

Mit welchen technischen Hilfsmitteln arbeiten Sie? Welchen Scanner, welchen Drucker, welchen Computer, welches Betriebssystem, welche Programme nutzen Sie?

Ich nutze keinen Scanner. Ich erstelle die Buchstaben nicht aus Zeichnungen sondern aus dem Kopf. Ich arbeite mit MacBook Pro, Mac OsX, FontLab. Für den Druck versuche ich die Schriften auf verschiedenen Druckern zu testen: Tintenstrahl-, Laserdrucker und so weiter, um zu sehen wie sich die Schrift mit den verschiedenen Techniken verträgt. Die besten Werkzeuge bleiben meine Hände und Augen.

Sind Sie Messie oder Purist? Horten sich auf Ihrer Festplatte 2.456.891 Fonts oder sind Garamond, Bodoni, Frutiger und Futura mehr als genug?

Ich würde nicht sagen, dass Garamond, Bodoni, Frutiger und Futura genug sind. Zunächst gibt es wahrscheinlich hunderte Garamonds und nicht viel weniger Bodonis. Auch wenn ich gerne viele Schriften anschaue, ziehe ich es doch vor, wenige zu benutzen, um ihre innere Beschaffenheit zu verstehen, um die Schrift gut zu kennen und sie gut zu nutzen, statt von einer zur nächsten zu springen, ohne sie überhaupt zu verstehen.

Wenn Ihr Font-Ordner nur Platz für zehn Schriften hätte, welche wären das?

Außer meinen: Adobe Caslon, Monotype Fournier, Bauer Bodoni, Gill Sans, Antique Olive, Golden Cockerel, ITC Mendoza, Balance, ITC Johnston, Courier.

In Typo-Kreisen werden Comic Sans und Arial gebannt. Welche Schrift darf auf keinen Fall auf Ihren Rechner?

Auch wenn ich bei der Comic Sans zustimme, würde ich bei der Arial nicht so weit gehen. Aber ich weiß einfach nicht, wofür ich Schriften aus der Hochzeit von Emigre nutzen sollte. Und – aber das ist Geschmackssache – ich mag Helvetica und Univers nicht (auch wenn ich weiß, dass sie wirklich gut gemacht sind), Officina und Meta (die habe ich zu oft gesehen). Außerdem bin ich gelangweilt von der DIN.

Welcher Buchstabe ist Ihr Liebling? Mit welchem Buchstaben fangen Sie an, wenn Sie eine Schrift entwerfen?

Mein Liebling ist das kleine a, aber im Allgemeinen beginne ich mit einem n oder einem H.

Wie kamen Sie auf den Namen für Ihre erste Schrift?

Das war einfach: die Schrift war in erster Linie für ein Verlagshaus gemacht, das auch eine Vereinigung ist, die 1847 – unter Anderem – von Xavier Stockmar gegründet wurde. Ich fand, dass »Stockmar« ein guter Name für eine Schrift ist.

Schmieden Sie Pläne für eine nächste Schrift?

Ich arbeite gegenwärtig an einer Sammlung französischer Typografie für das Druckmuseum von Lyon/französische Kultusministerium: ich sammle also die meisten Schriften, die in Frankreich seit 1850 geschaffen wurden. Ich habe bei dieser Arbeit die Gelegenheit, alte Schriften wiederzuentdecken, die nie digitalisiert wurden, wie zum Beispiel die Garamond der Schriftgießerei Peignot. Ich arbeite derzeit an einer Neuauflage dieser merkwürdigen Garamond.

Haben Sie schon einmal einen Buchstaben in Stein gemeißelt?

Leider noch nicht. Würde ich gern, irgendwann einmal.

Vielen Dank für das Interview!

Danke vielmals.

Weiterführender Verweis

Nonpareille