Zur Person

Sebastian Nagel wurde 1981 in Feldkirch, Österreich geboren. An der Fachhochschule Voralberg absolvierte er im Studiengang Intermedia ein interdisziplinäres Studium für Kommunikationsdesign.

Fragen & Antworten

Wieso Typografie? Wodurch erwachte Ihr Interesse an der Schriftkunst?

Ganz ursprünglich mit etwa 14 Jahren durch eine Sampler-CD »10.000 Schriften für zehn Mark« von »Pegasus Software« im lokalen Supermarkt. Natürlich Schrott, aber faszinierend.

Später und ernsthaft dann im Studium für Mediengestaltung auf der Suche nach einem Gebiet zur Spezialisierung. Typografie bot mir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Freiheit und Konvention, Gestaltungsmöglichkeit bei definierten Erfüllungskriterien. Das war für mich als Anfänger im grafischen Bereich ein gutes Feld um sich einzuarbeiten, ohne mich einfach nur in »cool aussehender Gestaltung« zu verirren (manch Anderem mag das zweifellos gelingen). Bücher, und auch Schriften an sich, sind für mich komplexe Systeme, die in sich funktionieren müssen. Das heißt es gibt viele Zusammenhänge und Funktionsweisen festzulegen, es gibt viele Lösungsmöglichkeiten, aber letztlich muss die gewählte Lösung neben allen »Schönheiten« und Spezialitäten schlichtweg funktionieren.

(Die zweite Möglichkeit in die ich mich spezialisieren hätte können, wäre die Informationsgrafik. Auch dort gibt es ein Verhältnis an Freiheit und Konvention, man arbeitet mit einem komplexen Zeichen- und Bedeutungssystem, das in sich konsistent sein muss. Letztlich war da wohl unser Typografie-Dozent ausschlaggebend, der mich etwas mehr motivieren konnte.)

Wer sind Ihre typografischen Vorbilder?

Niemand ganz bestimmtes. Ich sehe einfach gerne gute Arbeiten, denen man die konzeptionelle und handwerkliche Qualität ansieht. Die können von ganz »neuen« Gestaltern kommen, oder von »Koriphäen«. Das ist dann ein Ansporn für mich, das auch zu erreichen.

Welches Buch zum Thema Typografie haben Sie zuletzt gelesen? Welches würden Sie weiterempfehlen?

Das letzte Buch das ich zum Thema gekauft habe war wohl Karen Chengs »Designing Type« (eine zwiespältige Angelegenheit, nützlich, aber auch verkopft). Momentan finde ich kaum Bücher, die ich »haben muss«, dementsprechend kaufe ich wenig. Aber Gerard Ungers »Wie man’s liest« werde ich wohl bald erstehen.

Früher war das anders, da habe ich ziemlich viele Bücher gekauft, aber da musste ich mir auch noch meine »Basis-Bibliothek« aufbauen. Generell muss mir ein Buch mehr bieten als eine Sammlung an Arbeiten, das heißt ich erwarte mir einen Informationsgehalt, eine These, jenseits der gezeigten Beispiele.

Zum Lust-Machen und Schauen kann ich »Dutch Type« von Jan Middendorp empfehlen – eine sehr gute Dokumentation über holländisches Schriftschaffen – und ganz nebenher auch noch über Grafik und Design. Für Einsteiger eignet sich sehr gut »Buchstaben kommen selten allein« von Indra Kupferschmidt. »Fortgeschrittene« finden zum Beispiel in Gerrit Noordzijs »Letterletter« oder Fred Smeijers »Counterpunch« einige Denkanstöße. Und Albert Kaprs »Schriftkunst« ist sehr interessant – zum Schauen und zum Lesen.

Wenn Sie eine Schrift sein könnten, welche Schrift wären Sie gerne?

Momentan finde ich die »Haptic« von Henning Skibbe ganz faszinierend. Aber das wechselt ständig. Ich habe auch keine explizite Lieblingsspeise …

Generell mag ich Sachen, die »wie selbstverständlich« funktionieren, die keine herausstechenden Auffälligkeiten besitzen – also in sich homogen sind. Gerne darf eine kleine Spur »Wahnsinn« (oder positiv ausgedrückt Passion) erkennbar sein, ich mag keine »Fließbandarbeit«. Und gerne darf sich auch das »handgemachte« durchschlagen – Familien mit acht perfekt interpolierten Gewichten sind nützlich, aber ich mag drei bis vier handgezeichnete Gewichte mit ihren leichten Inkonsistenzen und Anpassungen an den Anwendungszweck meist lieber. Und letztendlich muss eine Schrift auch ein gut funktionierendes Werkzeug sein, das heißt technisch durchdacht und verlässlich.

Greifen Sie zu Beginn des Schriftschöpfens zur Feder oder zur Maus?

Ich beginne oft mit Bleistift und Notizbuch. Allerdings schreibe dann nicht, sondern zeichne Umrisse. Das geht dann für ein paar Buchstaben so (n, a, o, p, H, A, …), aber immer nur so weit, bis mir das, was ich mache, wie Zeitverschwendung vorkommt, weil ich am Rechner dann schneller und exakter weiterarbeiten könnte. Ich bin kein guter Zeichner, das heißt die Skizzen halten nur eine Idee fest, sie definieren nicht die endgültige Form im Detail. Diese ensteht dann erst am Rechner.

Mit welchen technischen Hilfsmitteln arbeiten Sie? Welchen Scanner, welchen Drucker, welchen Computer, welches Betriebssystem, welche Programme nutzen Sie?

Ich digitalisiere meine Skizzen nicht, demnach benötige ich dafür keinen Scanner. Als Rechner-Plattform verwende ich ein Thinkpad-Notebook, das mit Windows XP betrieben wird. Dass es nicht OS X und kein Mac ist, hat aber keinen speziellen Grund in Bezug auf Schriftgestaltung, sondern ist nur eine persönliche Präferenz.

Meine digitalen Entwürfe mache ich direkt in Fontlab 5, nebenher setze ich noch Scriptsammlungen wie die Adobe AFDKO ein. Aber ich bin softwaretechnisch nicht sehr versiert, das heißt diverse Spezialtools zur Bearbeitung fertiger Fonts oder zur Automatisierung setze ich nicht ein – zum einen, weil ich mich noch nicht damit beschäftigt habe und mich entsprechend nicht auskenne, zum anderen, um gewisse »Routinen« die sich in der Gestaltung niederschlagen, zu vermeiden (zum Beispiel Interpolation zwischen Schnitten).

Getestet werden die Fonts primär noch unter Indesign CS2, gegengeprüft wird mit Word 2003, Quark xPress 7, Indesign CS3 und den anderen Adobe-Programmen. Für Korrektur-Drucke verwende ich einen alten Canon V700. Da das natürlich bei weitem nicht an Offset heran kommt, versuche ich nach Möglichkeit, bei kleineren Projekten meine Schriften mitdrucken zu können, um diese auch im Offsetdruck in Lesegröße sehen zu können.

Sind Sie Messie oder Purist? Horten sich auf Ihrer Festplatte 2.456.891 Fonts oder sind Garamond, Bodoni, Frutiger und Futura mehr als genug?

Ich sammle Schriftmuster-PDFs, das befriedigt meinen Sammeltrieb für Schriften. Wirklich viele Schriften habe ich dementsprechend nicht auf meiner Festplatte – solche die ich für Projekte gebraucht habe, und die, die mit Software mitgeliefert wurden. Und einige einzelne Fonts, die sich über Gratis-Aktionen im Laufe der Zeit angesammelt haben.

Wenn Ihr Font-Ordner nur Platz für zehn Schriften hätte, welche wären das?

Wenn es nur zehn sein dürfen, Familien wie die Scala und Thesis, Kepler, und dann Klassiker wie eine Garamond, Univers, Futura … also Schriften die sich vielseitig einsetzen lassen, oder so »gewohnt« sind, dass sie immer funktionieren. Und vermutlich würde ich Platz für meine eigenen Entwürfe freihalten, damit ich daran weiterarbieten kann.

In Typo-Kreisen werden Comic Sans und Arial gebannt. Welche Schrift darf auf keinen Fall auf Ihren Rechner?

Ich habe eine gewisse Abneigung gegen die Fonts von Emigre aus den 90ern beziehungsweise generell den amerikanischen Fonts aus den DTP-Frühzeiten, die sind mir irgendwie zu experimentell, modisch, und damit heute alt-modisch. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Arial würde ich nicht generell verbannen wollen, die ist für den Bildschirm ziemlich gut geeignet – platzsparend, gut gehintet, großer Zeichensatz. Die Comic Sans habe ich gelöscht, damit wird das Internet einfach schöner, weil automatisch eine andere Schrift angezeigt wird. Wobei da eher der falsche Einsatz nervt als die Schrift an sich.

Welcher Buchstabe ist Ihr Liebling? Mit welchem Buchstaben fangen Sie an, wenn Sie eine Schrift entwerfen?

Mein Liebling ist wahrscheinlich das »a«, da kann man viel vom Charakter einer Schrift ablesen. Aber beim Reinzeichnen beginne ich oft mit dem »n«, aus praktischen Gründen: Senkrechte, Rundungen, Übergänge, Serifen, Anstriche … eine gute Vorlage für die anderen Buchstaben.

Wie kamen Sie auf den Namen für Ihre erste Schrift?

Die erste Schrift die ich veröffentlich habe, heißt »Iwan Reschniev«, eine Neuauflage von Tschicholds »Schnell und einfach konstruierbarer Schrift«. Die Namensfindung in kurzen Zügen ging so von statten (mit Mithilfe der Anwesenden im Typografie.info-Forum): Der Name sollte auf Tschichold verweisen, aber nicht anmaßend sein, er sollte mich als Neu-Gestalter betreffen – und eine Anspielung beinhalten auf die Bündner Nusstorte, die mir Norbert Riedi aus Graubünden für die Fertigstellung der Schrift in Aussicht gestellt hatte. Aus »Jan Tschichold« wurde »Iwan«, eine Anspielung auf seine Bahaus-Zeit, aus der der Schriftentwurf auch stammt, aus »Nagel« und »Graubünden« wurde »Reschniev«, rätoromanisch »nagelneu«. Klingt nach russischem Konstruktivismus, passt somit klischeehaft zum Schriftcharakter … Iwan Reschniev.

Die allererste Schrift die ich gezeichnet (und wieder verworfen) hatte, trug den Arbeitstitel »Spigolo«, eine italienische Wörterbuch-Laien-Übersetzung für »kantig«. Die Schrift war ihrem Konzept nach eine venezianische Antiqua mit »hart angeschliffenen Rundungen« (also Kanten), aber völlig unbrauchbar.

Schmieden Sie Pläne für eine nächste Schrift?

Ja, ich arbeite derzeit an der Fertigstellung der »Tierra Nueva«, einer Digitalisierung einer Landkarten-Schrift von 1562. Wenn alles gut geht, sollte sie sehr früh 2010 in vier Schnitten erscheinen. Weiter habe ich noch die Schriftsippe »Canapé« in Bearbeitung, die aus einer Serifenbetonten, einer Sans, und – zumindest skizziert – einer Antiqua besteht. Als nächstes erscheint dann hoffentlich meine dunkle Buchschrift »Scriptum«, eine Antiqua mit Schreibspuren und einem oder mehreren Sets an Schmuck-Initialien. Und nebenher zeichne ich noch an drei Schau-Typen mit den Arbeitstiteln »Malz«, einer blockigen, halbgebrochenen Fette, »Gulasch«, einer schwungvollen Schreibschrift mit durchgängiger Linienführung und hohem Strichkontrast, und »Flora«, einer eng laufenden Barock-Antiqua mit verspielten Details.

Haben Sie schon einmal einen Buchstaben in Stein gemeißelt?

Nur in Holz geschnitzt, und das nur mehr schlecht als recht.

Vielen Dank für das Interview!

Weiterführender Verweis

Gestaltungssache